Notgroschen: wie viel du wirklich brauchst und wo er hingehört
Die übliche Antwort lautet „drei Netto-Monatsgehälter“[1]. Sie ist für die meisten Menschen die falsche Zahl.
Der Notgroschen ist das einzige Finanzthema, bei dem sich alle einig sind, dass man ihn braucht – und bei dem fast jede genannte Zahl aus einer Faustregel stammt, die niemand hinterfragt.
Warum nicht das Gehalt der Maßstab ist
„Drei Netto-Monatsgehälter“ – je nach Ratgeber auch drei bis sechs[2] – unterstellt, dass deine Ausgaben proportional zu deinem Einkommen sind. Sind sie nicht. Wer 4.000 € verdient und 1.800 € an festen Kosten hat, braucht weniger Rücklage als jemand mit 2.600 € Einkommen und 2.100 € Fixkosten – obwohl die Faustregel das Gegenteil sagt.
Der Notgroschen soll eine Lücke überbrücken, und die Lücke bemisst sich an dem, was weiterläuft, wenn das Einkommen ausfällt: Miete, Strom, Versicherungen, Raten, Verträge, Essen. Das ist deine Untergrenze, und die kennst du erst, wenn du sie aufgeschrieben hast.
Die brauchbarere Regel
Drei bis sechs Monate deiner Fixkosten, nicht deines Gehalts. Drei, wenn dein Einkommen sicher ist und du niemanden versorgst. Sechs, wenn du selbständig bist, allein für Kinder sorgst oder in einer Branche arbeitest, in der Kündigungen üblich sind.
Deine Zahl, nicht die aus der Regel
Schon da
800 €
Es fehlen
3.700 €
Dein Polster trägt
16,2 Tage
Mit 200 € im Monat bist du in 19 Monaten da.
| Was im Monat weiterläuft | 1.500 € |
|---|---|
| Monate, die es tragen soll | 3,00 |
| Dein Ziel | 4.500 € |
| Schon da | 800 € |
| Es fehlen | 3.700 € |
Annahmen dieser Rechnung
- Gerechnet wird mit dem, was weiterläuft, nicht mit deinem Gehalt. Ein Notgroschen soll Ausgaben tragen, nicht Einkommen ersetzen – deshalb ist die Zahl kleiner, als du sie kennst.
- Monate, die das Polster tragen soll: 3
- Drei Monate sind eine verbreitete Faustregel und keine gemessene Größe. Wer unsicher beschäftigt ist, braucht mehr; wer sehr sicher sitzt, kommt mit weniger aus.
- Ohne Zinsen gerechnet. Das vereinfacht die Planung; tatsächliche Zinsen und Verfügbarkeit hängen vom gewählten Konto ab.
Der ganze Rechner mit Beispiel, Rechenweg und Quellen: Notgroschen-Rechner: wie hoch sollte deine Rücklage sein?
Die Zahlen oben sind ein Beispiel und keine Behauptung über dich: 1.500 € Fixkosten im Monat, drei Monate als Ziel, 800 € schon da, 200 € im Monat zurückgelegt. Das Ergebnis ist unbequem und deshalb nützlich: Die 800 € tragen 16,2 Tage, nicht einen Monat – und bis zu den drei Monaten sind es 19 Monate. Ersetze die Zahlen durch deine. Die Fixkosten stehen auf deinem Kontoauszug, und sie sind die einzige Eingabe hier, die wirklich zählt.
Wo das Geld liegen muss
Drei Eigenschaften, und alle drei sind Bedingungen, keine Wünsche: Es muss innerhalb von ein bis zwei Geschäftstagen verfügbar sein[3] – ein Notfall wartet nicht auf eine Kündigungsfrist. Der Betrag darf nicht schwanken – wer im Notfall verkaufen muss, verkauft zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt, denn Notfälle und schlechte Märkte treten gern gemeinsam auf. Und es muss von deinem Girokonto getrennt sein, sonst ist es kein Notgroschen, sondern Kontostand.
Damit fällt vieles heraus: das Depot, Festgeld mit Laufzeit, alles mit Kursrisiko. Übrig bleibt ein separates Konto ohne Anlagerisiko, das jederzeit verfügbar ist. Dass darauf real, also nach Geldentwertung, wenig übrig bleibt, ist der Preis dafür – und er ist es wert: Der Notgroschen soll nicht wachsen, er soll da sein.
Wie du ihn aufbaust, ohne zu warten
Nicht als Ziel, sondern als Dauerauftrag. Ein fester Betrag am Tag nach dem Gehaltseingang, in einer Höhe, die du auch in einem schlechten Monat durchhältst. Lieber 50 € jeden Monat als 300 €, die zweimal klappen und beim dritten Mal zurückgebucht werden.
Wie viel du monatlich zurücklegen kannst, prüfst du zuerst mit dem Haushaltsbudget-Rechner. Erfasse bekannte Jahresrechnungen dort separat: Die dafür reservierten Beträge sind nicht zugleich ein freies Notfallpolster.
Was du dagegen tun kannst
-
Schreib deine Fixkosten auf, bevor du eine Zahl nennst
Alles, was monatlich abgeht, ohne dass du etwas tust, plus einen realistischen Betrag fürs Essen. Diese Summe mal drei ist dein erstes Ziel. Es ist fast immer niedriger als „drei Nettogehälter“[4] – und damit erreichbar statt entmutigend.
-
Trenne das Konto wirklich, nicht nur gedanklich
Ein Unterkonto bei derselben Bank, das in derselben App direkt neben dem Girokonto steht, ist keine Trennung. Was du beim Einkaufen siehst, gibst du aus. Eine andere Bank, ohne Karte, ist kein Misstrauen gegen dich – es ist die billigste funktionierende Maßnahme.
-
Fang an, bevor du Schulden getilgt hast
Der übliche Rat lautet, erst Schulden zu tilgen. Das stimmt rechnerisch und geht in der Praxis oft schief: Ohne jede Rücklage wird der nächste kaputte Kühlschrank zur nächsten Schuld. Ein kleiner Puffer zuerst, dann tilgen, dann auffüllen – das hält länger durch.
Häufige Fragen
Was ist mit Tagesgeld?
Ein täglich verfügbares Konto ohne Kursrisiko erfüllt die drei Bedingungen oben. Welches Angebot für dich passt, hängt von Einlagensicherung, Konditionen und deinem Bedarf ab – das ist eine Entscheidung, die du triffst, und keine, die wir dir abnehmen.
Und wenn ich gar nichts zurücklegen kann?
Dann ist der Notgroschen nicht dein erstes Thema. Eine kostenlose Schuldner- oder Sozialberatung sortiert die Lage schneller als jeder Ratgeber; die Adressen stehen unter Wenn es wirklich eng ist.
Dieser Beitrag wurde korrigiert. Was falsch war, steht auf der Korrekturseite – mit Datum. Alle Korrekturen ansehen
Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Wir beschreiben, wie Dinge funktionieren, und was sie kosten. Was zu deiner Lage passt, weißt nur du – im Zweifel mit jemandem, der sie kennt.
Quellen
- Sparen: „Gut ist es, wenn sich Laura einen Puffer von zwei bis drei Monatsgehältern zulegt, um solche unerwarteten Ausgaben jederzeit stemmen zu können. Dabei handelt es sich um eine Daumenregel“, Stand 12. Februar 2026, Verbraucherzentrale, abgerufen am 26. August 2026.
- Notgroschen: „Generell ist es sinnvoll, sich nach der Faustregel zu richten, drei bis sechs Monatsgehälter als finanzielles Polster in der Hinterhand zu haben.“, Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), abgerufen am 26. August 2026.
- § 675s Abs. 1 Satz 1 BGB: Der Zahlungsdienstleister des Zahlers hat sicherzustellen, dass der Zahlungsbetrag spätestens am Ende des auf den Zugangszeitpunkt des Zahlungsauftrags folgenden Geschäftstags beim Zahlungsdienstleister des Zahlungsempfängers eingeht, Bundesministerium der Justiz und Bundesamt für Justiz, Gesetze im Internet, abgerufen am 26. August 2026.
- Konsumausgaben privater Haushalte nach dem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen 2024 (Laufende Wirtschaftsrechnungen): private Konsumausgaben insgesamt 3.257 Euro je Haushalt und Monat; nur in der untersten Einkommensgruppe (unter 1.300 Euro) liegen die Konsumausgaben mit 1.332 Euro über der Einkommensgrenze, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 26. August 2026.
Die 5-Euro-Ohrfeige
Einmal die Woche: eine Geldfalle, ein Ausweg. Kein Gelaber, keine Weitergabe deiner Adresse.
Doppelte Bestätigung, keine Weitergabe deiner Adresse, Abmelden mit einem Klick – und dabei wird deine Adresse gelöscht, nicht nur stillgelegt.
Weiterlesen
Lifestyle-Inflation: warum deine Gehaltserhöhung dich ärmer gemacht hat
Warum am Monatsende auch nach einer Gehaltserhöhung nichts übrig ist, welcher Mechanismus dahintersteckt und wie man ihn unterbricht.
Coffee-to-go gegen ETF: die 30-Jahre-Rechnung – und die Zahl, die alle weglassen
Was 3,50 Euro Kaffee an jedem Arbeitstag über 30 Jahre wirklich ergeben – nominal, in heutiger Kaufkraft und nach Abzug des eigenen Geldes. Mit offenem Rechenweg.
Haushaltsbudget planen: Was bleibt im Monat?
Haushaltsbudget erstellen: Einkommen, Fixkosten, Alltag, Jahresrechnungen und Sparen sauber trennen. Mit Beispiel, Tabelle und kostenlosem Budgetrechner.