Der Dispo ist nicht der teuerste Kredit. Er ist der unsichtbarste
Kein Vertrag, keine Rate, kein Termin. Nur eine Zeile im Quartalsabschluss, die aussieht wie eine Gebühr.
von Die Redaktion · · 8 Minuten Lesezeit
Du hast nie einen Kreditvertrag unterschrieben. Du hast nie eine Rate vereinbart. Du bekommst keine Mahnung, keinen Tilgungsplan und keine Erinnerung. Trotzdem hast du einen Kredit laufen, und zwar seit Jahren: 2.000 Euro im Minus, dauerhaft, zu 9,39 Prozent[1]. Das sind 188 € im Jahr.
Diese Zahl steht nirgends. Sie erscheint auf keinem Kontoauszug als „Ausgabe“, sondern viermal im Jahr als Sollzinsabschluss von rund 47 Euro – zwischen dem Supermarkt und der Handyrechnung, in derselben Schriftgröße. Wer sein Konto durchgeht, um zu sparen, sieht dort einen Posten von 47 Euro und liest darüber hinweg. Genau deshalb steht der Dispo in diesem Beitrag und nicht das Fitnessstudio: Ein Abo kann man kündigen, weil man es sieht.
Dieselbe Bank, dasselbe Konto, Faktor achtzehn
Auf dein Guthaben zahlt dir deine Bank im Schnitt 0,51 Prozent[2]. Für dein Minus nimmt sie 9,39 Prozent[1]. Dasselbe Institut, dasselbe Konto, dieselbe Woche: Faktor 18,4. Das ist kein Skandal, das ist das Geschäft – aber es ist auch die Antwort auf die Frage, ob du dein Erspartes lieber liegen lassen oder damit den Dispo abbauen sollst. Jeder Euro, den du vom Tagesgeld auf das Minus schiebst, verdient dir 9,39 Prozent statt 0,51.
Der einzige Kredit, den du garantiert schlägst
Es gibt keine Anlage mit garantierten 9,39 Prozent. Eine Tilgung ist genau das: eine sichere Rendite in Höhe deines Sollzinses, steuerfrei, ohne Kursrisiko. Das ist keine Anlageempfehlung, sondern eine Subtraktion.
Der naheliegende Rat ist der kleinere Hebel
„Schulde den Dispo in einen Ratenkredit um“ steht in jedem Finanzratgeber. Rechne es nach: Ein Konsumentenkredit kostet im Neugeschäft 8,35 Prozent effektiv einschließlich Kosten[3]. Auf 2.000 Euro sind das 167 Euro im Jahr statt 188. Die Umschuldung bringt dir also rund 21 Euro – das Abbauen bringt dir 188 Euro. Der berühmte Ratschlag ist ein Zehntel des Hebels, den er zu heben vorgibt.
Das heißt nicht, dass die Umschuldung falsch ist. Sie hat einen zweiten Nutzen, der nicht in Prozent steht: Ein Ratenkredit hat eine Rate und ein Enddatum. Der Dispo hat beides nicht, und genau das ist sein Problem. Wer aus einem unbefristeten Minus einen befristeten Kredit macht, kauft sich einen Zwang – und Zwang ist bei Geld oft mehr wert als ein Prozentpunkt.
Rechne es mit deinem Saldo
Mit dieser Rate wirst du diese Schulden nie los. Die Zinsen allein sind höher als das, was du zahlst. Der Saldo wird jeden Monat größer, nicht kleiner – und auf der Abrechnung sieht trotzdem alles nach Fortschritt aus.
| Offen | 2.000 € |
| Zinsen allein im ersten Monat | 15 € |
| Deine Rate im Monat | 0 € |
Annahmen dieser Rechnung
- Der eingetragene Satz wird als effektiver Jahreszins gelesen und mit der zwölften Wurzel auf den Monat umgerechnet – so, wie er auf einem deutschen Kreditvertrag steht. Durch zwölf geteilt käme eine zu hohe Zahl heraus.
- Gerechnet wird Monat für Monat in ganzen Cent: erst Zinsen aufschlagen, dann Rate abziehen. So bucht eine Bank, und so lässt sich das Ergebnis nachrechnen.
Trag deinen echten Saldo und deinen echten Zinssatz ein – beide stehen in deinen Kontounterlagen, der Zinssatz meist unter „Sollzinsen“ im Preis- und Leistungsverzeichnis. Setz die Rate zunächst auf null: Das ist die Lage, in der du gerade bist. Dann trag ein, was du im Monat übrig hättest, und sieh dir an, wie viele Monate daraus werden.
Der Paragraph, von dem deine Bank hofft, dass du ihn nicht kennst
§ 504a BGB[5]: Wer eine eingeräumte Überziehungsmöglichkeit sechs Monate ununterbrochen und dabei durchschnittlich mit mehr als 75 Prozent des vereinbarten Höchstbetrags in Anspruch nimmt, dem muss die Bank ein Beratungsgespräch anbieten. In Textform. Über den Kanal, über den sie sonst mit dir spricht. Und sie muss das Angebot dokumentieren.
Rechne nach, ob es dich betrifft: Bei 2.000 Euro Dauerminus greift die Vorschrift, sobald dein Limit 2.667 Euro oder weniger beträgt. Und dann die eigentliche Frage: Hast du dieses Angebot je bekommen? Wir wissen nicht, wie oft Banken es unterbreiten – dazu gibt es keine Erhebung, die wir belegen könnten. Was wir wissen, ist der Gesetzestext, und der steht dir zu.
Wie groß das insgesamt ist
Im Juni 2026 standen deutsche Privathaushalte mit 28,64 Milliarden Euro in revolvierenden Krediten und Überziehungskrediten[4]. Zum durchschnittlichen Satz sind das rund 2,7 Milliarden Euro Zinsen im Jahr, für einen Kredit, den niemand beantragt hat. Es ist ein sehr gutes Produkt – für die Bank.
Wo das hier aufhört
Wer im Dispo steht, weil am Monatsende nichts übrig ist, dem hilft kein Prozentpunkt. Ein Dauerdispo ist häufig kein Rechenproblem, sondern ein Einnahmenproblem – und dann ist die kostenlose Schuldnerberatung die richtige Adresse und nicht dieser Text. Die Nummern stehen unter Wenn es wirklich eng ist.
Was du dagegen tun kannst
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Frag deinen Zinssatz ab, bevor du irgendetwas anderes tust
Der Durchschnitt ist 9,39 Prozent. Deiner kann deutlich darüber liegen; die Spanne zwischen Instituten ist erheblich, und einen belastbaren Höchstwert konnten wir nicht belegen. Deine eigene Zahl steht im Preis- und Leistungsverzeichnis deiner Bank unter „Sollzinssatz für eingeräumte Kontoüberziehung“. Ohne sie rechnest du mit unserer Zahl statt mit deiner.
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Nimm das Tagesgeld, nicht den Ratenkredit
Wenn du Erspartes hast, das mehr als deinen Notgroschen ausmacht, ist das Abbauen des Dispos die beste sichere Rendite, die dir jemand anbieten kann. Wie groß dein Notgroschen sein muss, rechnest du mit dem Notgroschen-Rechner aus – alles darüber gehört auf das Minus.
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Setz dir eine Rate, auch wenn dich niemand dazu zwingt
Der Dispo hat kein Enddatum, weil ihn niemand tilgen muss. Ein Dauerauftrag von deinem Girokonto auf dasselbe Girokonto geht nicht – aber ein festes „diesen Betrag rühre ich nicht an“ tut es auch. Trag den Betrag oben in den Rechner ein und sieh dir das Enddatum an; ein Datum ist der Unterschied zwischen einem Vorsatz und einem Plan.
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Prüf, ob dir das Beratungsgespräch zusteht
Sechs Monate ununterbrochen über 75 Prozent deines Limits: Dann muss deine Bank dir nach § 504a BGB von sich aus eine Beratung anbieten. Das Gespräch kostet nichts und verpflichtet zu nichts – und die Frage danach ist auch ein Signal an deine Bank, dass du weißt, was auf deinem Konto passiert.
Häufige Fragen
Warum steht oben 188 Euro und nicht 187,80?
Jahreszahlen zeigen wir ohne Nachkommastellen – „188 €“ liest sich als Aussage, „187,79 €“ als Rechnungsposten. Und die 79 statt 80 kommt daher, dass der Rechner Monat für Monat in ganzen Cent bucht, so wie eine Bank es tut, und dabei zwölfmal rundet. Die Kopfrechnung 2.000 mal 9,39 Prozent ergibt 187,80; die Buchung ergibt einen Cent weniger. Beides steht im Rechner, Schritt für Schritt.
Ist die geduldete Überziehung teurer als der eingeräumte Dispo?
In aller Regel ja, aber wir können es nicht beziffern: Die Bundesbank fasst eingeräumte und geduldete Überziehung in einer Position zusammen. Deinen eigenen Satz für beides findest du im Preis- und Leistungsverzeichnis deiner Bank – dort stehen sie getrennt.
Was ist mit dem Kreditkartenkredit?
Der ist teurer. Echte Kreditkartenkredite lagen im Juni 2026 bei 17,24 Prozent, also fast beim Doppelten des Dispos. Wer beides hat, tilgt zuerst dort. Deshalb heißt dieser Beitrag auch nicht „der teuerste Kredit“ – das wäre schlicht falsch gewesen.
Quellen
- MFI-Zinsstatistik, Zeitreihe SUD112: Effektivzinssätze Banken DE, Neugeschäft, revolvierende Kredite und Überziehungskredite an private Haushalte – 9,39 Prozent im Juni 2026, Deutsche Bundesbank, abgerufen am 24. August 2026.
- MFI-Zinsstatistik, Zeitreihe SUD101: Effektivzinssätze Banken DE, Neugeschäft, Einlagen privater Haushalte täglich fällig – 0,51 Prozent im Juni 2026, Deutsche Bundesbank, abgerufen am 24. August 2026.
- MFI-Zinsstatistik, Zeitreihe SUD130: Effektivzinssätze Banken DE, Neugeschäft, Konsumentenkredite an private Haushalte, effektiver Jahreszinssatz einschließlich Kosten – 8,35 Prozent im Juni 2026, Deutsche Bundesbank, abgerufen am 24. August 2026.
- MFI-Zinsstatistik, Zeitreihe SUD212: Neugeschäftsvolumina Banken DE, revolvierende Kredite und Überziehungskredite an private Haushalte – 28.640 Millionen Euro im Juni 2026, Deutsche Bundesbank, abgerufen am 24. August 2026.
- § 504a BGB – Beratungspflicht bei Inanspruchnahme der Überziehungsmöglichkeit, Bundesministerium der Justiz und Bundesamt für Justiz, abgerufen am 24. August 2026.
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