Arm weil das Leben dazwischenkam
Bei knapp zwölf von hundert Menschen in der Schuldnerberatung war die eigene Haushaltsführung der Auslöser. Bei sechsundvierzig waren es Krankheit, Arbeitslosigkeit oder eine Trennung.
von Die Redaktion · · 9 Minuten Lesezeit
Diese Seite heißt „Broke by Choice“ und behauptet damit etwas Unbequemes: dass ein guter Teil dessen, was am Monatsende fehlt, im eigenen Verhalten steckt. Es gibt eine Statistik, die diese Behauptung prüfen kann, und sie fällt nicht so aus, wie es einer Seite mit diesem Namen recht wäre.
Das Statistische Bundesamt erhebt jedes Jahr, was Menschen in die Überschuldung getrieben hat, die eine Schuldnerberatung aufsuchen. Für das Berichtsjahr 2025 steht dort als häufigster Hauptauslöser: Erkrankung, Sucht oder Unfall, 18,2 Prozent[1]. Dahinter Arbeitslosigkeit mit 16,8 Prozent[2] und Trennung, Scheidung oder der Tod des Partners mit 11,1 Prozent[3]. Drei Ereignisse, die niemand plant, zusammen gut sechsundvierzig von hundert Fällen.
Die Kategorie, über die diese Seite schreibt, heißt in dieser Statistik „unwirtschaftliche Haushaltsführung“. Sie liegt bei 11,7 Prozent[4]. Gut jeder neunte Fall.
Und die Zahl bewegt sich in die falsche Richtung
2022 stand die eigene Haushaltsführung noch bei 15,3 Prozent, heute bei 11,7[4]. Der Anteil, den man sich selbst zuschreiben kann, ist also gefallen. Im selben Zeitraum ist eine andere Kategorie gestiegen, und zwar die unauffälligste von allen: längerfristiges Niedrigeinkommen, 2015 noch 3,4 Prozent, 2025 bei 10,0 Prozent[5]. Das ist kein Konsumproblem. Das ist ein Lohnproblem.
Warum wir die drei Zahlen nicht einfach addieren
Erfasst wird je Fall ein Hauptauslöser, die Kategorien schließen sich also aus. Die veröffentlichten Prozentwerte sind aber gerundet und summieren sich für 2025 auf 100,4. Deshalb steht oben „gut sechsundvierzig von hundert“ und nicht „46,1 Prozent“ – die eine Nachkommastelle gehört der Rundung und nicht der Aussage.
Was das für diese Seite heißt
Es heißt nicht, dass die These falsch ist. Es heißt, dass sie klein ist. Über jeden neunten Fall in dieser Statistik lässt sich sagen: Hier hätte ein Haushaltsbuch, ein gekündigtes Abo, ein früher abgebauter Dispo etwas geändert. Über die anderen acht lässt sich das nicht sagen, und wer es trotzdem tut, redet über Menschen, die nichts entschieden haben.
Es heißt außerdem, dass die Reihenfolge falsch ist, in der die meisten Ratgeber schreiben. Der übliche Aufbau lautet: erst sparen, dann vorsorgen, dann irgendwann anlegen. Die Statistik legt eine andere nahe: erst gegen den Ausfall absichern, der dich mit fast fünffacher Wahrscheinlichkeit trifft, und dann über Abos reden. Ein Polster, das drei Monate trägt, hilft bei Krankheit und bei Arbeitslosigkeit gleichermaßen – und was es kosten müsste, rechnest du mit dem Notgroschen-Rechner aus.
Wen es trifft, und wie hart
Wer 2025 in einer Schuldnerberatung saß, hatte im Durchschnitt 34.650 Euro Schulden – Männer 39.717 Euro, Frauen 29.500 Euro[6]. Das ist ein Durchschnitt und kein typischer Fall: Wenige sehr hohe Beträge ziehen ihn nach oben, einen Median veröffentlicht die Statistik nicht. Knapp 52 Prozent der Ratsuchenden lebten allein, und bei rund einem Viertel von ihnen waren gesundheitliche Probleme der wichtigste Auslöser[7]. Bei alleinerziehenden Frauen wie Männern war in rund 23 Prozent der Fälle eine Trennung der Auslöser[8].
Was diese Zahlen nicht sagen
Sie gelten für Menschen, die sich Hilfe geholt haben. 738 von rund 1.360 Beratungsstellen haben Daten zu etwa 187.000 beratenen Personen gemeldet, und das Statistische Bundesamt sagt selbst, dass daraus keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl aller überschuldeten Menschen möglich sind[9]. Wer nie in eine Beratung geht, kommt in keiner dieser Zahlen vor.
Die andere Zahl, die dazugehört
Man muss nicht überschuldet sein, um von einer unerwarteten Rechnung umgeworfen zu werden. 31,9 Prozent der Bevölkerung in Deutschland lebten 2025 in Haushalten, die eine größere unerwartete Ausgabe von mindestens 1.300 Euro nicht aus eigenen Mitteln bestreiten konnten[11]. Fast ein Drittel. Für diese Menschen ist die Waschmaschine, die kaputtgeht, kein Ärgernis, sondern ein Ereignis.
Wenn du dazugehörst, ist der Teil dieser Seite, der dir nützt, kleiner als der Rest – und der Rest ist nicht für dich geschrieben. Die kostenlose Schuldner- und Sozialberatung ist es. Rund 580.000 Menschen im Jahr nehmen sie in Deutschland in Anspruch[10]; sie kostet nichts, sie ist vertraulich, und der häufigste Fehler ist, zu lange zu warten. Die Adressen stehen unter Wenn es wirklich eng ist.
Was du dagegen tun kannst
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Hol dir die Beratung, bevor du sie brauchst
Der teuerste Satz in dieser Statistik ist nicht die Schuldenhöhe, sondern der Zeitpunkt: Wer erst kommt, wenn der Gerichtsvollzieher geschrieben hat, hat weniger Möglichkeiten als jemand, der mit zwei Mahnungen und einem schlechten Gefühl kommt. Die Beratung ist kostenlos und sie ist auch dann zuständig, wenn du „noch nicht so weit“ bist. Die Anlaufstellen stehen unter Wenn es wirklich eng ist.
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Sichere zuerst gegen das, was am häufigsten passiert
Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung: drei Ereignisse mit einer gemeinsamen Eigenschaft – sie unterbrechen das Einkommen, während die Fixkosten weiterlaufen. Genau dagegen hilft ein Polster, und zwar unabhängig davon, welches der drei eintritt. Rechne aus, wie viele Tage deins heute trägt; die Zahl ist meist kleiner, als man denkt.
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Nimm die zwölf Prozent ernst, gerade weil sie klein sind
Gut jeder neunte Fall ist der Teil, der in deiner Hand liegt, und er ist auch der einzige, den du ohne fremde Hilfe bewegen kannst. Ein Abo weniger ändert nichts an einer Krankheit. Es ändert etwas an dem Monat, in dem sonst der Dispo hätte einspringen müssen – und der Dispo ist der Anfang der Kette, die in dieser Statistik endet.
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Rede über Geld, bevor es eng wird
Mehr als die Hälfte der Ratsuchenden lebt allein. Das ist keine Schuldzuweisung, sondern ein Hinweis darauf, wie viel ein zweiter Blick wert ist – von einer befreundeten Person, von der Beratungsstelle, von wem auch immer. Geldprobleme wachsen im Stillen schneller als in einem Gespräch.
Häufige Fragen
Warum schreibt eine Seite gegen die eigene These an?
Weil die These sonst eine Behauptung bleibt. Wer zwölf Prozent für hundert ausgibt, redet über Menschen, deren Lage er nicht kennt – und verliert damit auch die zwölf Prozent, weil ihm niemand mehr glaubt. Der Teil, der stimmt, wird nicht kleiner, wenn man ihn richtig bemisst.
Ist „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ nicht auch eine Zuschreibung der Beratungsstelle?
Ja, und das ist eine Schwäche der Kategorie. Erfasst wird, was die beratende Person als Hauptauslöser einträgt, nicht was die betroffene Person selbst angibt. Wir nennen die Zahl trotzdem, weil sie die einzige amtliche ist – und weil sie in unsere eigene Richtung fällt, nicht in die bequeme.
Wie viele überschuldete Menschen gibt es in Deutschland insgesamt?
Das lässt sich aus dieser Statistik nicht sagen, und das Statistische Bundesamt schließt die Ableitung ausdrücklich aus. Sie erfasst nur, wer in einer der meldenden Beratungsstellen war. Wir haben keine belegte Gesamtzahl gefunden und schreiben deshalb keine hin.
Quellen
- Hauptauslöser der Überschuldung in Prozent, 2015 bis 2025: Erkrankung, Sucht, Unfall 18,2 Prozent im Berichtsjahr 2025, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Hauptauslöser der Überschuldung in Prozent, 2015 bis 2025: Arbeitslosigkeit 16,8 Prozent im Berichtsjahr 2025, 2015 noch 20,0 Prozent, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Hauptauslöser der Überschuldung in Prozent, 2015 bis 2025: Trennung, Scheidung, Tod des Partners 11,1 Prozent im Berichtsjahr 2025, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Hauptauslöser der Überschuldung in Prozent, 2015 bis 2025: unwirtschaftliche Haushaltsführung 11,7 Prozent im Berichtsjahr 2025, 2022 noch 15,3 Prozent, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Hauptauslöser der Überschuldung in Prozent, 2015 bis 2025: längerfristiges Niedrigeinkommen 10,0 Prozent im Berichtsjahr 2025, 2015 noch 3,4 Prozent, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Überschuldung 2025: durchschnittliche Schuldenhöhe 34.650 Euro, Männer 39.717 Euro, Frauen 29.500 Euro, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Überschuldung 2025: knapp 52 Prozent der Beratenen lebten allein, bei rund 24 Prozent von ihnen waren gesundheitliche Probleme der wichtigste Auslöser, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Überschuldung 2025: bei alleinerziehenden Frauen und Männern in jeweils rund 23 Prozent der Fälle Trennung, Scheidung oder Tod des Partners als Hauptauslöser, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Überschuldungsstatistik 2025: 738 von rund 1.360 Beratungsstellen meldeten Daten zu etwa 187.000 Personen; Rückschlüsse auf die Gesamtzahl aller überschuldeten Personen sind nicht möglich, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Vermögen und Schulden: rund 580.000 Personen suchen jährlich wegen privater Überschuldung eine Schuldner- oder Insolvenzberatungsstelle auf, Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
- Kein Geld für Rechnungen und unerwartete Ausgaben: 31,9 Prozent der Bevölkerung in Deutschland konnten 2025 eine unerwartete Ausgabe von mindestens 1.300 Euro nicht aus eigenen Mitteln bestreiten (EU-SILC), Statistisches Bundesamt, abgerufen am 24. August 2026.
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